Der vergessene Aufstand in Saudi Arabien

Die Berichterstattung über den Arabischen Frühling konzentrierte sich von Beginn an auf Ägypten, Tunesien, Libyen und Syrien. Doch auch in den Golfstaaten kam es zu Protesten, die von einer breiten Schicht der Bevölkerung getragen wurden und werden. Kaum erwähnt in der Berichterstattung sind die Unruhen im Osten Saudi-Arabiens, wo eine lokale schiitische Bevölkerungsmehrheit gegen das Herrscherhaus al-Saud demonstriert und Gleichberechtigung und Freiheit fordert. Die autoritären wahhabitischen Herrscher unterdrücken bis heute die Protestbewegung mit brutaler Gewalt, da im schiitischen Osten die Ölvorräte liegen. Jetzt, über drei Jahre nach Beginn der Proteste, droht sich der Konflikt zu einem bewaffneten Aufstand zu entwickeln. Die deutsche Bundesregierung unterstützt das saudische Königshaus weiterhin mit Waffenlieferungen und modernstem Kriegsgerät.

Bahrain: Eine vergessene Revolution

Auch in dem Inselstaat Bahrain kommt es seit dem Beginn des Arabischen Frühlings zu Demonstrationen gegen den Diktator al-Khalifa. Das sunnitische Königshaus unterdrückt seit Jahrzehnten die schiitische Bevölkerungsmehrheit besonders brutal. Als al-Khalifa den Demonstranten nicht mehr Herr wurde, marschierte Saudi Arabien kurzerhand ein und schoss die Kundgebungen nieder. Warum aber schweigt der Westen hier – anders als in Libyen und anderen arabischen Staaten? Ein arte-Team hat den Inselstaat besucht und das Leben der Bevölkerung im Ausnahmezustand dokumentiert:

Screenshot von arte-Dokumentation "Verbotene Bilder", Bild: Fabian schmidmeier

 

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Libyen feiert Machtübergabe

In einer feierlichen Zeremonie in Tripolis hat der Nationale Übergangsrat in Libyen die Macht offiziell an die Nationalversammlung, die im Juli gewählt wurde, übergeben. Es ist das erste mal seit über 40 Jahren, dass Libyen von einem frei gewählten Parlament regiert wird. Die Machtübergabe wurde von tausenden Menschen auf dem zentralen Schohada-Platz in der Hauptstadt gefeiert.

Aleppo: Rebellen organisieren sich

Um die Stadt Aleppo wird seit den neuen Offensiven der Rebellen erbittert gekämpft. In einer Videobotschaft erklärte ein Vertreter vor hunderten Kämpfern die Zusammenfassung einzelner Kata’ib (Kampfeinheiten) zu einer großen Brigade, der Liwa at-Tawhid (Einheitsbrigade). Durch diese Konzentrierung und Zentralisierung der Organisationsstruktur erhoffen sie sich eine erhöhte Schlagkraft gegenüber der militärisch überlegenen Armee Baschar al-Asads. Während in Damaskus einzelne Stadtviertel von regierungstreuen Truppen zurückerobert wurden, kann die Tawhid-Brigade in Aleppo anscheinend Geländegewinne verbuchen. Nach eigenem Bekunden möchten sie die Zivilbevölkerung vor Übergriffen regierungstreuer Milizen schützen. Auch Alawiten und andere religiöse Minderheiten hätten nichts zu befürchten. Jedoch steht diese Brigade merklich unter Einfluss radikalislamischer Kräfte, die seit längerem versuchen, die demokratische Freiheitsbewegung der Syrer zu unterwandern.

Direkt im Anschluss der Videobotschaft machten sich hunderte Kämpfer der Lawa’u t-Tawhid auf nach Aleppo. Assads Regime scheint die Kontrolle völlig entglitten, da sich die große Anzahl an Kämpfern auf freiem Feld völlig ungehindert der strategisch und ökonomisch wichtigsten Stadt Syriens nähern kann.

Video einer Militäraktion der Tawhid-Brigade (nicht geeignet für Personen unter 18 Jahren!)

Militäraktion der Liwa’u t-Tawhid im Bezirk Hanano von Aleppo

Syrien: Das Morden geht weiter

Ein Jahr nach dem Beginn des Aufstandes gegen die Diktatur Bashar al-Assads dreht sich die Spirale der Gewalt weiter. Nachdem sich immer mehr Zivilisten der Freien Syrischen Armee anschließen und reguläre Truppen in Scharen zu den Aufständischen übertreten, haben sich seit ein paar Wochen scheinbar auch al-Qa’ida-Bataillone dem Widerstand angeschlossen. Dies dürfte dazu führen, dass in Syrien vollends ein konfessioneller Kampf entbrennt und der eigentliche Konflikt um den Sturz eines undemokratischen und nicht legitimierten, diktatorischen Systems ins Hintertreffen gerät. Vor allem salafistische Teile der Aufstansbewegung, allen voran die wohl auch über die saudische und irakische Grenze eingesickerten Kämpfer der al-Qa’ida sehen die christlichen Syrer und auch die muslimischen, aber schiitischen Alawiten, zu denen auch Bashar al-Assad gehört, als Ungläubige und damit auch als Freiwild an. Wie im Irak könnten diese dann zur Zielscheibe von Greueltaten ungekannten Ausmaßes werden, was dem anfänglichen Anliegen an einem freien Gesamtsyrien aller Konfessionen entgegensteht. Auch Bashar al-Assad heizt diesen Konflikt immer weiter an, wenn er Demonstranten pauschal als islamistische Extremisten verurteilt und mit einer erbarmungslosen Brutalität wahllos Stadtviertel im ganzen Land bombardieren lässt. Nachdem Assad bereits vor drei Wochen angekündigt hat, mit einer Offensive diverse Städte von der Freien Syrischen Armee zu „säubern“, scheint sein Vorhaben gescheitert. In den vergangenen Tagen und auch heute, erreichten uns immer wieder neue Bilder und Videos von neuen erbitterten Kämpfen um die Städte Homs, Hama, Aleppo oder Deir az-Zur.

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Interview mit Gudrun Krämer: „Ein ziviler Staat mit islamischem Referenzrahmen“

Während der Revolution versammelten sich tausende Gläubige auf dem Tahrir-Platz zum Gebet

Die Bilder gingen um die Welt, als in den arabischen Staaten die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straßen strömten und den Sturz ihrer Herrscher forderten. Westliche Staatschefs wussten nicht so recht, wie sie die neuen Ereignisse einordnen sollten. Waren dies nur vorübergehende Erscheinungen oder doch erste Anzeichen eines historischen Umbruchs im Vorderen Orient? Könnten am Ende solcher Umwälzungen liberale Demokratien, regionalspezifische Mischsysteme oder doch eine Renaissance islamischer Orthodoxie stehen? Folgt in Ägypten jetzt die Machtübernahme der im Westen oft gefürchteten Muslimbruderschaft?

Eine Kennerin dieser Region ist die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer. Im Rahmen eines Vortrages über die Muslimbruderschaft konnten zwei Redakteure der Studierendenzeitung Akon des Arbeitskreises Orient der Otto-Friedrich Universität Bamberg, Gudrun Krämer zu den aktuellen Ereignissen in Ägypten und der zukünftigen Rolle der Muslimbrüder befragen. (Zum Parteiprogramm geht’s hier)

Fabian Schmidmeier:Frau Krämer, wie haben Sie die Revolutionen in Ägypten und den anderen arabischen Staaten erlebt? Man hatte bei den Reaktionen der westlichen Staatschefs das Gefühl, dass diese Revolten sie kalt erwischten und niemand wirklich damit gerechnet hatte. Haben Sie es für möglich gehalten, dass sich eine Revolution anbahnt? „Interview mit Gudrun Krämer: „Ein ziviler Staat mit islamischem Referenzrahmen““ weiterlesen